Westerwaldkreis. Für psychisch kranke Menschen ist es besonders wichtig, einen Arbeitsplatz zu haben. So lautete das Fazit einer Expertenrunde, zu der das Forum Soziale Gerechtigkeit ins „Café Vogelhaus“ in Montabaur eingeladen hatte.
Forums-Sprecher Uli Schmidt wies darauf hin, dass die Zahl psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung zunehme und zitierte aus Schilderungen einer Psychiatriepatientin, dass Arbeit einerseits unter Umständen krank machen könne, andererseits habe sie „für die Gesundung einen großen Stellenwert“.
Dies bestätigte Uli Krüger, Geschäftsführer der bundesweit tätigen „Aktion Psychisch Kranke“ (APK). Für Betroffene sei es oft vorrangiges Ziel, wieder in Arbeit zu kommen. Allerdings stießen sie dabei immer wieder auf das Vorurteil, dass psychische Erkrankungen und Arbeit nicht vereinbar seien. Arbeitgeber befürchteten außerdem, dass sie die Probleme mit solchen Menschen alleine lösen müssten.
Laut Krüger gibt es allerdings eine Reihe von Hilfen, die auch noch ausgebaut werden könnten. Anstatt in irgendwelchen Sondereinrichtungen müsse dort geholfen werden, wo für die Betroffenen ein langfristige Arbeitsplätze vorhanden seien. Unternehmen wie auch deren behinderte Mitarbeiter, darauf wies Jörg Röder vom Integrationsfachdienst der Diakonischen Werkes Westerwald hin, benötigten deshalb professionelle Begleitung.
Thomas Becker, Teamleiter im Bereich Rehabilitation bei der Agentur für Arbeit in Montabaur, wies darauf hin, dass die Arbeitsagentur rund 1200 Rehabilitanden betreue. Trotz im Vergleich zur Bundes‑ und Landesebene niedrigeren Quote steigen laut Becker derzeit die Arbeitslosenzahlen auch in der Region Westerwald und Rhein-Lahn an. Dabei trennten sich die Unternehmen zuerst einmal von weniger leistungsfähigen Mitarbeitern, darunter auch schwerbehinderte Menschen.
APK-Geschäftsführer Krüger erklärte, dass sich seit der ersten Psychiatrie-Enquete in den 1970er Jahren einiges verbessert habe. Dies gelte auch für die Beschäftigung psychisch Kranker. Er nannte es eine „Aufgabe auch der Politik“, die Integrationsfachdienste zu stärken, denn die Mittel aus der Ausgleichsabgabe für Betriebe, die keine behinderten Menschen beschäftigen, seien begrenzt. Vielen IFDs mangele es an Mitarbeitern, die die nötige Kompetenz im Umgang mit psychisch kranken Menschen hätten.
Krüger nannte es eine „erste Weichenstellung“, dass sich die IFDs inzwischen aus verschiedenen Quellen finanzieren könnten, beispielsweise durch Aufträge anderer Maßnahmenträger. Zugleich bedauerte und kritisierte Krüger, dass von den rund 20 Milliarden Euro für Integrationsmaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt viel zu viele Mittel vor Ort nicht ausgeschöpft würden.
Eine Einschätzung, die Teamleiter Becker für den Bereich seiner Arbeitsagentur nicht gelten lassen wollte: In der Regel würden mehr als 90 Prozent der für sein Haus zur Verfügung stehenden Gelder für entsprechende Projekte ausgegeben. Dabei arbeite sein Team auch intensiv mit dem Integrationsfachdienst (IFD) zusammen. So könne die Agentur in jedem Jahr auch zahlreiche jugendliche Rehabilitanten in eine Ausbildungsstelle vermitteln. Dabei profitiere die Region von ihrem starken Mittelstand und ihrer verkehrstechnisch guten Lage.
Wie es mit der Beschäftigung behinderter, insbesondere psychisch beeinträchtigter Menschen in der Praxis aussieht, erläuterten Guido Bender von der gemeinnützigen Gemeindepsychiatrie der Arbeiterwohlfahrt (AWO Gemeindepsychiatrie gGmbH), Werner Bleidt, Geschäftsführer bei der gemeinnützigen Firma Best in Boppard, Otmar Schreiner, als Bereichsleiter bei der AWO-Gemeindepsychiatrie Westerwald zuständig für die Dorfläden der gGmbH, und Klaus Dieter Mosch, Inhaber der im Bereich Trockenbau tätigen Firma Mosch & Baumann GmbH in Kaden.
Guido Bender stellte den Gästen das „Vogelhaus“ vor, ein Integrationsbetrieb in der Regie der AWO Gemeindepsychiatrie, in dem eine Reihe von Menschen mit einer psychischen Erkrankung beschäftigt ist. Nach anfänglichen Problemen und einem schwierigen Jahr während der Umgestaltung des Konrad-Adenauer-Platzes in Montabaur sei die Einrichtung jetzt auf einem guten Weg – „das Café hat sich etabliert“, so Bender.
Bender ging auch auf den ebenfalls unter AWO-Regie stehenden Dienstleistungsbetrieb „OptiServ“ ein, der zurzeit auch zehn psychisch kranke Personen beschäftigt. OptiServ bietet Dienstleistungen in den Bereichen Industrie, Garten‑ und Landschaftspflege, Haus‑ und Hof-Service sowie Arbeiten vor Ort im Industriebetrieb an.
Bei der Firma Best sind laut Werner Bleidt in rund 15 kleineren Betriebsteilen in den Bereichen Handwerk, Dienstleistungen, Personal-Service und Verkauf 155 Arbeitnehmer in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen beschäftigt. 80 davon sind teils körperlich, teils psychisch beeinträchtigt. Die Nachfrage nach Jobs sei deutlich höher als die Kapazitäten der Firma, betonte Bleidt.
Bei einem Jahresumsatz von rund 6,6 Millionen Euro (2008) fallen etwa 4,8 Millionen Euro an Lohnkosten an. Trotz der Förderung der Arbeitsplätze von Behinderten, so der Geschäftsführer, müssten rund 80 Prozent der Kosten selbst erwirtschaftet werden. Uli Schmidt meinte dazu, die Förderbeträge für schwerbehinderte Menschen seien nicht höher als die Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, die für diese Personen abgeführt würden. Insofern seien solche Arbeitsplätze mindestens kostenneutral.
Otmar Schneider gab einen Überblick über die inzwischen aus zehn Läden bestehende Kette von Dorfläden. In den Läden sind insgesamt 25 behinderte Menschen beschäftigt. Alle bieten ein komplettes Grundsortiment und haben in den Gemeinden oft auch die Funktion eines Dorftreffpunkt. Weitere Dorfläden sind geplant, in einem Fall baut eine Gemeinde im Westerwaldkreis das notwendige Gebäude sogar selbst und stellt es anschließend der AWO zur Verfügung .
Bei der Firma Mosch & Baumann wurde ein psychisch kranker Mitarbeiter nach einem Praktikum in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. „Ohne Ausgleich für die krankheitsbedingte Minderarbeit rechnet sich das für unser Unternehmen nicht“, betonte Inhaber Klaus Dieter Mosch. Zwar gebe es im Arbeitsalltag durch hohen Termindruck gelegentlich Probleme für den psychisch kranken Mitarbeiter, dennoch sei dieser Arbeitsplatz für ihn wesentliche Grundlage, um sich trotz seiner Krankheit in seinem gesellschaftlichen Umfeld erfolgreich integrieren zu können.
Jörg Röder vom IFD erläuterte, wie seine Einrichtung seit 2001 arbeitslose behinderte Menschen – wie er betonte, „auch ohne Schwerbehindertenausweis“ – bei der Suche nach einem Arbeitsplatz hilft. Er wies darauf hin, dass auch der IFD nur „im Rahmen der von Unternehmen angebotenen Arbeitsplätze“ handeln könne und nicht über eigene Beschäftigungseinrichtungen verfüge. Der IFD hilft demnach nicht nur den behinderten Menschen, sondern unterstützt auch die Arbeitgeber etwa bei Antragsverfahren. Mit Blick auf diese Verfahren warnte Röder davor, dass künftig mehr behinderte Menschen ohne Schwerbehindertenausweis durchs soziale Netz fallen könnten. Obwohl in der entsprechenden Neufassung des Sozialgesetzbuches der Schwerbehindertenausweis „gar nicht eine so besondere Rolle spielt“, werde in der praktischen Umsetzung umso mehr Wert darauf gelegt. „Unter diesen Umständen werden wir künftig Betroffenen ohne Schwerbehindertenausweis kaum noch helfen können“, befürchtete Röder.
Seit Mai 2008 kümmert sich die Virtuelle Werkstatt „Viweca“ der Caritaswerkstätten Westerwald/Rhein-Lahn um die Vermittlung von Beschäftigten der Behindertenwerkstatt in Außenarbeitsplätze. Mit Hilfe des „Budget für Arbeit“ sei in bisher 10 Fällen auch eine Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsamt gelungen, so der Leiter Roland Fleck.
Uli Schmidt lud die Gäste abschließend ein, bei einem weiteren Treffen am 22. Februar, um 18 Uhr im Café Vogelhaus konkrete Schritte für die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen für psychisch kranke Menschen zu erörtern und die Erkenntnisse aus dem Expertengespräch in ein Handlungskonzept zu gießen. Weitere Interessenten seien dazu herzlich willkommen, so Schmidt.









