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Eine perfekte Mischung: Gerd Berghofer rezitiert Kurt Tucholsky ...

Hübingen. Er war „Theobald Tiger“, „Peter Panter“ oder „Kaspar Hauser“ – Kurt Tucholsky, dessen Geburtstag sich im Januar zum 120. Mal jährte, hatte als Autor viele Namen, sein schriftstellerischer und journalistischer Stil war und ist allerdings unverwechselbar, seine Texte und Themen sind von bemerkenswerter Aktualität.

Für Uli Schmidt vom Zweigverein Buchfinkenland des Westerwald-Vereins war dies Grund genug, an das Wirken dieses wohl bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik zu erinnern. Schmidt nutzte die Begrüßung der Zuhörer, um ganz besonders der Buchhandlung Reuffel für die Unterstützung der Veranstaltung zu danken.

Mit Gerd Berghofer, Autor und Rezitator, und seinem musikalischen Pendant, dem virtuosen Akkordeonspieler Juri Kravets, hatte der Westerwald-Verein Buchfinkenland zwei Künstler engagiert, die jene „Weltbühne“ –Atmosphäre der 1920er Jahre in der kleinen Kapelle des Familienferiendorfes Hübingen verbreiteten, in der Tucholsky so beeindruckend wirkte.

Berghofer versteht es glänzend, Tucholskys intellektuellen sprachlichen Duktus mit einem hintergründigen, vielfach sarkastischen, immer wieder aber auch humorvollen Augenzwinkern zu verknüpfen und gestisch zu übersetzen. Mit sichtlichem Spaß richtet er gleich zu Beginn die Frage des Dichters an die Zuhörer: „Liebes Publikum, bist Du wirklich so dumm?“ Und als Antwort erscheint vor dem geistigen Auge desselben sogleich schemenhaft die ganze Mischpoke von Verlegerschaft und Unterhaltungsindustrie, die auch heute wie damals behauptet, den Geschmack von Zuschauern oder Lesern zu kennen und deshalb überwiegend intellektuell minderwertige Kost servieren zu müssen.

Ebenso treffsicher wie aktuell auch die Betrachtungen zur Nationalökonomie, wo es unter anderem heißt: „Daß der Arbeiter für seine Arbeit auch einen Lohn haben muß, ist eine Theorie, die heute allgemein fallen gelassen worden ist“ oder etwa: „Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sogenannte ›Stützungsaktion‹, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleite erkennt man daran, dass die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie ja dann auch meist nichts mehr“ – besser kann das aktuelle Treiben von Lehmann Brothers und Konsorten wohl kaum beschrieben werden.

Doch nicht nur die „große Politik“ steht im Fokus von Tucholskys literarischer Arbeit. Kleinbürgerliche Ungereimtheiten beleuchtet er überaus sarkastisch in Texten wie „Die Familie“ oder „Wo kommen die Löcher im Käse her?“. Nicht zuletzt nimmt der Dichter auch eigene, ganz persönliche Schwächen auf’s Korn, was Rezitator Berghofer am Beispiel „Kreuzworträtsel mit Gewalt“ auf brillante Weise deutlich macht.

... und Juri Kravets zaubert auf seinem Knopfakkordeon den passenden musikalischen Hintergrund. (Fotos: Herbert A. Eberth)

Zugleich unterbaut Berghofer das dichterische Wirken Tucholskys unter Zuhilfenahme biographischer Daten mit der notwendigen historischen Kulisse, schildert die besondere Beziehung Tucholskys zu den Herausgebern der Zeitschrift „Weltbühne“, Siegfried Jacobsohn und Carl von Ossietzky, und sein letztliches Verstummen in seiner Wahlheimat Schweden angesichts der nationalsozialistischen Machtergreifung.

Atmosphärisch verdichtet wird Berghofers Lesung durch die kongenialen musikalischen Zaubereien von Juri Kravets, der sein Knopfakkordeon wahrhaft weltmeisterlich beherrscht. Kravets beeindruckt gleichermaßen durch verblüffende Virtuosität wie durch zuweilen exstatischen Ausdruck. Er entlockt dem Instrument Klangvariationen irgendwo zwischen Klarinette und Kirchenorgel, wobei letztere in der Interpretation von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll geradezu überwältigend zur Geltung kommt. Kravets Spiel klingt aber ebenso französisch-mediterran, südamerikanisch, geistlich und ergänzt Berghofers Vortrag zu einem universellen künstlerischen Genuss, der mehr als die zwei Dutzend begeisterten Zuhörer verdient hätte.

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