Westerwaldkreis. Im Prinzip eine gute Sache zum Wohle unserer Kinder, aber noch große Mängel in der Organisation des zentralen Einlade‑ und Meldesystems durch das Land Rheinland-Pfalz. So lautet das Fazit, das die Expertinnen von Kreisjugend‑ und Kreisgesundheitsamt bei der zweiten Netzwerkkonferenz zum Kindeswohl und zur Kindergesundheit in Westerburg ziehen konnten.
Anstoß der Netzwerkkonferenz, zu der in Westerburg rund 250 Fachleute, darunter Erzieherinnen, Kinderärzte , Hebammen, Polizeibeamte, Mitarbeiter der ARGE etc. kamen, gab das 2008 verabschiedete Landesgesetz zum Schutz von Kindeswohl und Kindergesundheit. Es regelt im Kern zwei Schwerpunkte, nämlich den Aufbau der lokalen Netzwerke durch die Jugendämter und die Förderung der Kindergesundheit durch den Aufbau eines zentralen Einladungs‑ und Erinnerungssystems durch das Land.
Das Zentrum für Kindervorsorge beim Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg (ZfK), das vom Land den Auftrag für die Durchführung erhalten hat, versendet an die Eltern kurz vor Anstehen einer Früherkennungsuntersuchung ein Einladungsschreiben und gegebenenfalls ein Erinnerungsschreiben, wenn eine Früherkennungsuntersuchung nicht in Anspruch genommen wurde.
Dies gilt für alle Kinder – unabhängig von ihrem Versichertenstatus. Aufgabe der niedergelassenen Ärzte ist es, die zentrale Stelle über die Inanspruchnahme einer Früherkennungsuntersuchung zu informieren.
Die Gesundheitsämter werden dann im zweiten Schritt über die Familien informiert, die trotz einer Erinnerung nicht zu einer Früherkennungsuntersuchung gekommen waren. Hierauf erfolgt nun zunächst eine zeitnahe und gezielte Kontaktaufnahme durch Mitarbeiter der Gesundheitsämter. Wenn Eltern trotz Beratung des Gesundheitsamtes die Früherkennungsuntersuchung für das gesunde Aufwachsen ihres Kindes nicht nutzen oder eine Kontaktaufnahme nicht möglich ist, informiert das Gesundheitsamt das Jugendamt. Das Jugendamt prüft in diesen Fällen, ob es einen Hilfe‑ und Förderbedarf in der Familie gibt.
Im Westerwaldkreis kam es nach einem Jahr seit Bestehen der Meldepflicht zu 1546 Meldungen wegen nicht durchgeführter Vorsorgeuntersuchungen. Eine Zahl, die auf den ersten Blick erschrecken mag. „Die Zahl der Meldungen erscheint für den Westerwaldkreis zunächst sehr hoch. Tatsächlich ist hierin eine Vielzahl von so genannten positiven Falschmeldungen enthalten. „Dies sind Meldungen, bei denen sich nach Rücksprache mit den Eltern oder dem behandelnden Kinderarzt herausstellt, dass die Früherkennungsuntersuchung bereits durchgeführt wurde, aber der entsprechende Nachweis nicht bei ZfK eingegangen ist“, relativiert Maria Petkau, Ärztin beim Kreisgesundheitsamt in Montabaur, die hohe Zahl.
Dennoch war in 70 Fällen eine Kontaktaufnahme — teilweise durch Hausbesuche — durch das Kreisjugendamt notwendig geworden, weil diese Eltern auf die Schreiben des Gesundheitsamtes nicht reagiert hatten. Dabei erhielten die Sozialarbeiter in drei Fällen konkrete Hinweise auf Vernachlässigung von Kindern. Entsprechende Hilfemaßnahmen konnten noch rechtzeitig eingeleitet werden. In zwei weiteren Fällen wurde ein Hilfebedarf wegen psychischer Probleme der Mutter gesehen.
„Meldungen aufgrund des Verdachts körperlicher Misshandlung haben wir bei unseren Hausbesuchen glücklicherweise noch nicht gehabt“, meint Tina Schradi, im Kreisjugendamt zuständig für die Umsetzung des Landeskinderschutzgesetzes. „Mühe und Aufwand lohnen sich dennoch, denn Frühuntersuchungen sind im Interesse aller Kinder. Wenn daneben auch nur ein Kind vor Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch geschützt wird, hat sich die Arbeit doppelt gelohnt“, unterstreicht Landrat Achim Schwickert.
Trotz des erheblichen Mehraufwands für alle Beteiligten wegen organisatorischer Mängel im zentralen Meldesystem ist man beim Kreisjugend‑ und Gesundheitsamt zuversichtlich, dass die Vorsorgehefte der Kinder bei Schuluntersuchung zukünftig nicht mehr so viele versäumte Untersuchungstermine aufweisen wie bisher und eine gewisse Chancengleichheit, zumindest unter gesundheitlichem Aspekt, vor dem Schuleintritt für alle Kinder hergestellt wird.









