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Säugetier ehrenhalber

Phänomen Honigbiene

Phänomen Honigbiene

„Phänomen Honigbiene“ von Jürgen Tautz – eine kompetente und faszinierende Einführung in das Reich der Bienen! Das Buch ist nicht nur für Biologen verständlich. Es ist daher auch all jenen zu empfehlen, die neugierig sind und ihr Wissen über ein Insekt erweitern möchten, dessen Fähigkeiten im Verlaufe der Evolution zur Bildung eines hochorganisierten Staates – dem so genannten Superorganismus geführt haben, dessen Eigenschaften weit über die verschiedenen Fähigkeiten seiner Mitglieder hinausgehen und sogar auf diese zurückwirken.

Der Autor ist einer der renommiertesten internationalen Bienenforscher: Er lehrt an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und ist Leiter der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Forschungseinheit „BEEgroup“. Der Aufbau des Buches ist ungewöhnlich, indem bereits im Prolog herausragende Leistungen des Bienenvolkes in prägnanter Weise präsentiert werden. Das steigert die Neugier, und von nun an wird man bis zum Ende der Lektüre in ihren Bann gezogen. Wer wie Jürgen Tautz in der Lage ist, auch die besonders komplexen Eigenschaften des Bienenstaates fast ohne den Gebrauch von Fachwörtern zu schildern, kann auch humorvolle Bemerkungen einfließen lassen – zumal diese Interesse stets aufs Neue anfachen.

So verleiht er dem Bienenstaat den Titel „Säugetier h.c.“ (honoris causa), und der Leser wird dies schmunzelnd gerne akzeptieren. Denn wie dem Säugetierindividuum ist es auch dem Bienenstaat im Verlaufe der Evolution gelungen, seine Nachkommenschaft im frühen Jugendstadium durch Wärmeproduktion (etwa dem Flugmuskelzittern durch „Heizerbienen“) inklusive Temperaturregelung und Selbstversorgung durch eigene Nahrungsproduktion – der Schwesternmilch von Ammenbienen – von den wechselhaften Umweltbedingungen unabhängig zu machen. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber all jenen Organismen, die dazu nicht in der Lage sind. Er schafft die Voraussetzung für ein ganzes Bündel von Leistungen, die innerhalb des Bienenstaates von größter Bedeutung sind wie die Sicherung der vielen Funktionen der Wabe (Speisekammer, Brutstätte, „Informationsspeicher“) und viele spezielle Verhaltensweisen wie die lokale Beheizung der verdeckelten Brutnestregion und die Reduktion von Wärmeverlusten.

Faszinierend sind auch die vielen weiteren Fähigkeiten, die zur Sicherung der funktionellen Organisation des Bienenstaates innerhalb und außerhalb seiner Grenzen nötig sind: die optisch, chemisch und mechanisch gesteuerte Orientierung, die Kommunikationsfähigkeiten untereinander und die höchst beeindruckenden kognitiven Fähigkeiten. Es ist Jürgen Tautz in hervorragender Weise gelungen, alle diese Kenntnisse aus der umfangreichen Literatur und aus seinen eigenen Forschungsergebnissen so darzustellen, dass sie auch dem Laien einen tiefen Einblick in das komplexe Verhalten der Bienen vermitteln.

Dabei kommt ihm sicherlich der Vorteil zugute, dass er an vorderster Front der Forschung arbeitet – und seine besondere Gabe, das Grundwissen jener richtig einzuschätzen, die er mit seinem Buch ansprechen möchte. Seine Sprache zieht jede Leserin und jeden Leser in ihren Bann, und die fantastischen Grafiken sowie Fotos (über 200 Farbbilder darunter zahlreiche ganzseitige) von Helga R. Heilmann, tragen dazu bei, dass das Gelesene sogar zum Erlebnis wird. Wer wird da bezweifeln, dass „Die Honigbiene – ein Erfolgsmodell“ der Evolution ist?

Das beeindruckende Geschehen im Bienenstaat sollte eigentlich schon genügen, um den Bienenvölkern den denkbar besten Schutz angedeihen zu lassen. Wer dieses Argument aber noch nicht ernst nimmt, sollte bedenken, dass die Bienen hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Bedeutung bereits auf Rang 3 hinter den wichtigsten Haustieren – Rind und Schwein – einzuordnen sind. Immerhin bestäuben sie über 80 Prozent der landwirtschaftlich bedeutsamen Blütenpflanzen – diese Leistungen werden in „Phänomen Honigbiene“ ebenfalls gewürdigt. Es ist bekannt, dass die Zahl der Bienenvölker in Deutschland seit 1993 um etwa 45 Prozent zurückgegangen ist: ein dramatisches Ereignis!

Krankheiten, Parasiten und Insektenbekämpfungsmittel gehören zu den Ursachen des häufiger als in früheren Zeiten auftretenden Bienensterbens. Nicht unterschätzen darf man aber auch den extremen Rückgang von Wiesenblumenarten auf Grund der Acker‑ und Grünlandbewirtschaftung. Das Problem der Sicherung von Honigbienenbeständen, indem man für die Imkerei wirbt und sie fördert, kann man nicht lösen, wenn nicht auch die Vielfalt und Menge an bestäubbaren Kultur‑ und Wildpflanzen bewahrt wird. Der dringend erforderliche Schutz der Bienenvölker stellt deshalb eine enorme Herausforderung dar, nicht nur für die Imker, sondern auch für die Landwirte, alle übrigen Grundbesitzer, die Landschafts‑ und Verhaltensökologen wie die Naturschützer.

Ihnen allen sei das Buch „Phänomen Honigbiene“ deshalb ebenso sehr empfohlen wie selbstverständlich auch der begeisterungsfähigen Jugend. Es sollte daher in keiner Schulbibliothek fehlen und für den Biologieunterricht herangezogen werden, zumal die konkreten Beispiele der Eigenschaften und Leistungen der Bienen in vielen Fällen den Einstieg in spezielle Themen der Allgemeinen Biologie (Keimbahn, Genetik, Staatenbildung und anderes) erleichtern. Daher möchte ich Jürgen Tautz noch ein letztes Mal zitieren: „Unterstützen wir die Honigbienen, so unterstützen wir uns selbst.“

Otto Siebeck
Der Rezensent ist emeritierter Professor am Zoologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München

Ein unsterbliches, liebenswürdiges Duo

Calvin & Hobbes - Eine Welt voller Wunder

Calvin & Hobbes - Eine Welt voller Wunder

Wunderbar, wie zwei schon fast klassische Comic-Figuren wie der 6-jährige Calvin und sein geliebter Plüschtiger und bester Freund Hobbes ihre kleine Welt erobern und dabei jede Menge Wunderliches und Wunderbares erleben. Der bei Carlsen Comics erschienene Sammelband „Eine Welt voller Wunder“ beweist erneut, wie ein mehr als 20 Jahre altes Erzählkonzept von beständigem Erfolg begleitet wird. Calvins unbändige Neugierde, verbunden mit einer fast maßlosen Phantasie lassen den Jungen so viel Distanz zur Alltags‑ und Erwachsenenwelt gewinnen, dass der Leser um eine philosophische Interpretation der Ereignisse entweder nicht herum kommt oder schlicht und einfach die in den Storys gespiegelte eigene Erfahrung lächelnd zur Kenntnis nimmt. Ob es das Abtauchen in urtümliche Dinosaurier-Sümpfe ist, die Hartnäckigkeit, mit der sich Eltern oder Lehrer dem kindlichen Bedürfnis nach ganz eigentümlichem Wohlbefinden widersetzen – dies alles macht die Geschichten um Calvin und Hobbes immer wieder lesenswert. (art)

Ein Teenie und sein Spiel mit der Unterwelt

Artemis Fowl

Artemis Fowl, 12-jähriger Sprößling aus reicher Familie, ist ein Genie. Doch seine Genialität zeigt sich mehr in den dunklen Seiten menschlichen Daseins. So knüpft er nach dem Verschwinden seines Vaters sprichwörtlich Kontakt zum Untergrund, der allerdings ein völlig anderer ist als jener aus dem umgangssprachlichen Gebrauch. Es ist eine Welt der Elfen und Kobolde, ausgerüstet mit modernster Technik und alter Magie. Zusammen mit seinem ihm ergebenen „Hausangestellten“ namens Butler will Fowl die Möglichkeiten dieser Welt nutzen, um erst einmal die desolate Finanzlage seiner Familie zu verbessern. Doch bei aller Genialität hat er nicht mit Holly Short, der ersten weiblich Elfe im Polizeidienst der Unterwelt, und ihren findigen Kollegen gerechnet. Eoin Colfers Roman über den wahnwitzigen Teeny-Gangster Artemis Fowl findet in den Zeichnungen von Giovanni Rigano ihre reizvolle figürlich-charakterliche Analogie. (art)

Leonardo trifft da Vinci

Eine Annäherung an das Renaissancegenie, die nach seinem Geschmack gewesen wäre

Martin Kemp - LeonardoKünstler, Wissenschaftler, Erfinder und Ingenieur – kaum eine andere historische Persönlichkeit verkörpert unsere Vorstellung vom Universalgenie derart eindrucksvoll wie Leonardo da Vinci (1452 – 1519). Im besten faustischen Sinn versuchte er mit unbändiger Neugier zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Durch exakte Beobachtungen der Natur und gründliche Erforschung des menschlichen Körpers wollte Leonardo die Prinzipien von Mikro‑ und Makrokosmos erkennen und verstehen. Während sein malerisches OEuvre mit weniger als 20 erhaltenen Gemälden recht überschaubar bleibt, ist uns von seinen vielfältigen Studien ein „geistiges Vermächtnis“ von vielen tausend Seiten überliefert.

Ausgehend von diesem „großen intellektuellen und visuellen Gebäude“ versucht Martin Kemp, renommierter Leonardo-Experte der University of Oxford, eine Annäherung ganz im Stil seines Forschungsobjekts. Kemp interessieren das Detail und das große Ganze: Wie funktionierte Leonardos Verstand? Woher nahm er seine innovativen Ideen und Visionen? Wie beeinflusste der Forscher den Künstler da Vinci?

Um sein anspruchsvolles Vorhaben im relativ kleinen Format zu realisieren, hält der Autor den biografischen Teil knapp und zeigt dann in Fallstudien Hauptmotive und Kontinuitäten in Leonardos Werk auf. Beispielsweise beeinflussten Zeichnungen von Wasserstrudeln, zu Studienzwecken vom „Naturwissenschaftler“ Leonardo angefertigt, später seine Darstellung weiblicher Frisuren. Hatte Leonardo die Ursachen und Wirkungen der natürlichen Welt erst im Detail ergründet, ließ er sie in vielen Variationen in seinen eigenen Schöpfungen wieder neu erstehen, sei es als Flugmaschine in Form eines künstlichen Vogels oder als rätselhaftes Lächeln der Mona Lisa.

Sehr gelungen führt Kemp seine Leser in das vieldimensionale Schaffen Leonardos ein.

Sascha Winter
promoviert im Fach Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg.

Zeitreise durch 6000 Jahre Geschichte

Neu auf dem Markt: Die Juden - Geschichte eines Volkes

Die Juden - Geschichte eines Volkes

Pelzhut auf dem Kopf, Schläfenlocken an der Wange, Hebräisch auf den Lippen, Gesetze im Kopf und die Thora in der Hand: Fertig ist ein Klischeejude, wie er im Buche steht. Nichts für Sie? Dann ist die Film-Dokumentation „Die Juden – Geschichte eines Volkes“ durchaus eine Empfehlung wert. Denn die nunmehr auf DVD erschienene, 2007 bei arte und verschiedenen dritten Programmen ausgestrahlte Reihe gibt bemerkenswert gut recherchierte Einblicke in das, was jüdisches Leben über die Jahrhunderte jenseits von Stereotypen ausmacht.

Um das Pferd von vorne aufzuzäumen: Lassen Sie sich vom Titel nicht täuschen. Selbstredend ist es unmöglich, eine mehrtausendjährige und hochkomplexe Geschichte auf zwei einfache DVD zu pressen. Und diese Scheiben im Haus ersetzen auch in diesem Fall nicht den Abraham, der zusammen mit Isaak und Jakob samt Kindern und Kindeskindern auch im Jahr 5769 (nach jüdischer Zeitrechnung, es entspricht dem Jahr 2008 auf 2009) nach wie vor am besten im Buch der Bücher zu finden ist.

Es ist dennoch möglich, Geschichte und Geschichten von Juden aus mehreren tausend Jahren darzustellen, ohne die zu vermittelnden Informationen vor Langeweile sterben zu lassen. Und das ist Uwe Kersten und Nina Koshofer trefflich gelungen. In fünfmal 45 Minuten gehen sie auf einen sehenswerten Streifzug durch die Geschichte der Juden vom biblischen Auszug aus Ägypten bis zur Einwanderung in den modernen Staat Israel.

Sie haben – fern von Hollywood-Ambitionen – das Medium Fernsehen aufs Beste ausgenutzt, um wissenschaftlich fundiert, aber nicht langweilig und damit fernsehabendtauglich Einblicke in jüdische Geschichte zu geben, die leider viel zu wenig im Bewusstsein des klischeegestählten Mitteleuropäers verankert sind. Von der eigenen Verwunderung abgesehen, dass durch die Jahrtausende hindurch offensichtlich Neuhebräisch in aller Juden Munde war: Die behandelte Geschichte wird nicht nur erzählt und mit archäologischen, literarischen und wissenschaftlichen Originalen untermalt, sondern auch in epochalen und Einzelbiographien schauspielerisch nachgestellt. Das verleiht der DVD (nebst Ben Hur-Deja-Vues) durchaus auch ihren eigenen Reiz, der ihr bei aller suggestiver Skepsis, durchaus gut zu Gesichte steht.

Das eigentlich Bemerkenswerte der Reihe besteht aber nicht in der Verwendung von filmspezifischen Mitteln bei der Produktion einer Fernsehdokumentation. Vielmehr punktet sie mit der sensiblen Auswahl ihrer Haltepunkte auf dem Streifzug durch die Jahrtausende. Erfreulich wenig Hava Nagila und jiddelnde Fiedler sind im Rampenlicht des Films zu sehen. Stattdessen treten mit der für die Entwicklung der heutigen jüdischen Tradition fundamentale Zeitalter und geografische Regionen auf den Bildschirm, die sehr zu Unrecht bislang keinen Eingang im durchschnittsdeutschen Geschichtsbild der Juden gefunden haben.

Dazu gehört neben der Entstehungsgeschichte des Talmuds auch die Blüte jüdischer Philosophie im muslimisch beherrschten Spanien des Mittelalters, die mit der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 endete. Es findet die Blüte jüdischer Kultur im frühen mitteleuropäischen Mittelalter Erwähnung, die sich bis heute in den Kommentierungen Raschis auf fast jeder Talmudseite niederschlägt. Auch fehlen nicht die im spätmittelalterlichen Mitteleuropa einsetzenden Judenverfolgungen, die sich in den heutigen jüdischen Gebeten genauso wiederfinden wie in der heutigen Kleiderordnung chassidischer Juden: Eingangs erwähnter Pelzhut samt Mantel und Schnallenschuhen entsprangen der Kluft des osteuropäischen Adels, der jüdische Flüchtlinge aus dem Westen nicht nur in Dienst, sondern – sofern wirtschaftlich lukrativ und nur in Ausnahmefällen aus Nächstenliebe – auch in Schutz nahm.

Der Weg der Dokumentation führt weiter von Osteuropa nach Amerika, Italien sowie ins Osmanische Reich und reicht bis hin nach Holland, wo sich die Wege der sephardischen (spanischen) und der aschkenasischen (mittel‑ und osteuropäischen) Juden in der Neuzeit kreuzen. Erst am Ende kommt der Film dorthin, wo jüdisches Leben trotz seines reichen Erbes leider nur selten eigenwertig gesehen wird: Im aufgeklärten Europa, das keine jüdische Aufklärung ertrug, sich jüdischer Emanzipation und Assimilation versperrte und gleichermaßen den Weg in die Schoah und das zionistische Israel bahnte.

Bemerkenswert neben der thematischen Auswahl ist die Unvoreingenommenheit der Sichtweisen: Bei der Reflexion der jeweiligen Darstellungen kommt der kritische Bibelwissenschaftler ebenso zu Wort wie der konservative Rabbiner, der Archäologe genauso wie der Literaturwissenschaftler, der Gläubige genauso wie der Historiker. Stimmen also, die im täglichen Klischeediskurs jüdischer Geschichte viel zu selten gehört werden.

Im Großen und Ganzen also eine runde Sache. Dass die digital beschriebene Geschichte dabei im Vorspann marktschreierisch als „Geschichte von Glanz und Elend“ deklariert und jede Sequenz mit dem Anspruch überschrieben ist, das Geheimnis zu lüften, wie sich „die Juden über die Jahrhunderte ihre Identität bewahrt haben“ sei dem Film nachzusehen. Das Gleiche gilt für den offensichtlich vom Marketing verantworteten fragwürdige Titel „Die Juden – Geschichte eines Volkes“, der wohl eher einer Gesellschaft anzulasten ist, die bei einem solchen Titel abgeholt werden muss.

Sicherlich kann man kritisieren, dass der Zeitrahmen von 260 Minuten viel zu kurz für einen Erzählrahmen von mehreren tausend Jahren sind, dass Relevantes teilweise viel zu kurz kommt (ein wenig mehr Raum für Bibel und Talmud wäre durchaus angemessen gewesen), dass die zu Worte kommenden Stimmen sicherlich nicht dem religiösen Leben und dem wissenschaftlichen Diskurs entsprechend ausgewogen sind und dass manchmal weniger Ben Hur mehr gewesen wäre. Aber im Grunde genommen wäre es traurig, wenn es zwei DVD gelingen würde, diesen Ansprüchen zu genügen.

Wenn sie hingegen eine Idee davon gäben, dass jüdische Geschichte sich aus viel mehr speist als der Trennung von Fleisch und Milch, und einen Einblick, wie lebendig jüdische Geschichte und Kultur in der heutigen Gegenwart ist, wäre viel gewonnen. In diesem Sinn: Wer an Impulsen für weitergehende Beschäftigung mit jüdischer Religion, Kultur und Geschichte interessiert ist, der ist mit dieser Reihe sicherlich sehr gut bedient.

Ann-Kristin Ebert
Die Rezensentin hat Jüdische Studien und Politische Wissenschaft an der Universität Heidelberg studiert und arbeitet nun bei Spektrum der Wissenschaft.

Götter, Gräber und eine Tempeltänzerin

Die junge Tempeltänzerin Ishanti erlebt im Ägypten des Altertums aufregende Abenteuer unter Göttern und Menschen.

Ishanti, heilige Tänzerin - Die Tränen der Isis

Ishanti - Heilige Tänzerin

Die Geschichte der ebenso hübschen und kessen wie naiven Ishanti, einer begabten Tempeltänzerin, spielt in Ägypten, zu einer Zeit, als die Götter noch Menschen waren und sich ganz offen in deren Angelegenheiten einmischten. Ishanti wird umschwärmt von Tyi, dem jungen Tempelbildhauer, der sich geschickt den Fängen des Eunuchen Mun entzieht, der auf die jungen Tempeldienerinnen aufpassen soll. Dennoch kommt Mun den beiden auf die Spur, als Tyi seine Angebetete in die Katakomben eines alten Grabmals entführt, wo ein besonderer Schatz schlummert: Die Lacrima mit den Tränen der Tempelgöttin Isis. Hinter dieser Kostbarkeit ist aber nicht nur der gierige Großwesir her. Auch die Götterfiguren Anubis und Horus wissen das tränenreiche Gefäß zu schätzen, und nicht zuletzt ist da auch noch der Chef der Wächter des Totenlandes. So kommt es am Ende zu einem überraschenden Stelldichein in der dunklen Gruft am Ufer des Nil. Die Autoren Crisse und Besson verleihen dieser Geschichte mit Hilfe überzeichneter Figuren eine faszinierende und spannende Atmosphäre, die Lust auf Mehr macht. (rth)

Didier Crisse und Fred Besson – Ishanti, heilige Tänzerin – Band 1: Die Tränen der Isis. Comic, Splitter-Verlag, 48 Seiten, Hardcover, ISBN: 978–3–939823–23–0, 12,80 Euro.

Mörderische Schneemutanten und andere heitere Absurditäten

Calvin und Hobbes – ein kleiner Junge und sein Plüschtiger – stellen sich in zahlreichen, vor Phantasie strotzenden Episoden dem Alltag von Kinder‑ und Erwachsenenwelt.

Calvin und Hobbes - Angriff der durchgeknallten mörderischen Schneemutanten

Calvin & Hobbes - Mörderische Schneemutanten

Der kleine Calvin und sein bester Freund, Plüschtiger Hobbes, sind längst Legende. Ihre sprichwörtlich phantastischen Abenteuer waren ein ganzes Jahrzehnt lang erfrischende Morgenlektüre für hunderttausende Zeitungsleser. Im jüngsten Sammelband mit dem etwas sperrigen Titel „Angriff der durchgeknallten mörderischen Schneemutanten“ sind wieder etliche Erlebnisse dieses ebenso verrückten wie intelligenten Duos zu einer geballten Ladung Humor zusammengefasst. Ob es darum geht, mit Beharrlichkeit die Nerven von Erziehungsberechtigten zu strapazieren, der verhassten Streber-Göre aus der Nachbarschaft eins auszuwischen, sich in stiller Stunde über die Rätsel des Lebens den Kopf zu zerbrechen oder wenig später in wilden Tobereien die Grenzen des Alltags zu durchbrechen: Calvin und Hobbes ziehen Kinder wie Erwachsene gleichermaßen in ihren Bann. (rth)

Bill Watterson – Calvin und Hobbes – Angriff der durchgeknallten mörderischen Schneemutanten, Comic, 128 Seiten, Softcover, ISBN 978–3–551–78617–3, 12.90 Euro.

Bibelgeschichte – dem multimedialen Zeitgeist geschuldet

Der erste Teil der CD-Ausgabe der Elberfelder Kinderbibel enthält Texte und Zeichnungen zum Zeitraum von der Schöpfung bis zum Ende der Wüstenwanderung.

Elberfelder Kinderbibel, Teil 1 - Von der Schöpfung bis zum Ende der Wüstenwanderung

Elberfelder Kinderbibel

Die Elberfelder Kinderbibel mit Texten von Martina Merckel-Braun und Illustrationen von Judith Arndt gibt es jetzt auch als CD-Rom. Der vorliegende erste Teil umfasst den Zeitraum von der Schöpfung bis zum Ende der Wüstenwanderung mit Geschichten über Abraham, Jakob, Josef und Mose. Darüber hinaus enthält die CD eine Landkarte mit Hinweisen zu den Orten des Geschehens, ein Quiz sowie einige wenige Spiele. Die Autoren dieser „Multimedia“-Scheibe halten sich strikt an die Buchvorlage. Ersetzen können sie diese aber nicht. Aufmachung und Umsetzung wirken lustlos, keineswegs kindgerecht, vielmehr aufgesetzt und belehrend, ohne lehrreich zu sein. Die Spiele sind fantasielos und langweilig, ein Zusammenhang mit den spröde vorgetragenen Texten lässt sich nur schwer herstellen. Ein überflüssiges Produkt, dem multimedialen Zeitgeist geschuldet. Die bessere Alternative: Selbst aus der Elberfelder Kinderbibel vorlesen. (rth)

Elberfelder Kinderbibel, Teil 1 – Von der Schöpfung bis zum Ende der Wüstenwanderung. CD-Rom, für Windows 2000/XP/Vista. Ab 8 Jahre. ISBN-13: 978–3–417–36135–3. 14,95 Euro.

Physiker-Alltag

Selten habe ich mich so über den lustigen Titel eines Buches gefreut. Was wird da alles erzählt werden? Welche Geschichten aus dem Leben der „Größen“ der Physik werden wir wieder aufgetischt bekommen? Autor Wolfgang Rößler hat mit „Eine kleine Nachtphysik – Geschichten aus der Physik“ gründlich seine Hausaufgaben gemacht!

Eine kleine Nachtphysik

Eine kleine Nachtphysik

Es ist eine Freude in den einzelnen Kapiteln mehr über Personen wie Niels Bohr, Wolfgang Pauli, Albert Einstein und viele mehr zu lesen. Wir erfahren Geschichten aus dem Alltag, über ihren Humor, und wie sie oftmals verzweifelt einen Weg suchten. Der Autor stellt vor allem den Menschen in den Mittelpunkt seiner Geschichten. Interessant war beispielsweise die Kurzgeschichte des jungen Richard Feynman während eines Spazierganges mit seinem Vater: Sie beobachteten einen Vogel und sein Vater, der den Namen des Vogels in vielen Sprachen zitierte (doch alle erfand), beeindruckte damit offenbar seinen Sohn. Dieser beschloss den Ausflug aber mit dem Hinweis: „Es nützt uns nichts den Namen in 20 Sprachen zu kennen, wir wollen den Vogel selbst beobachten, um zu sehen, was er macht – denn darauf kommt es in Wirklichkeit an“.

Die Geschichten – jeweils ein Kapitel – sind in sich abgeschlossen und zeigen oftmals nette Überraschungen auf. So ist es hübsch zu sehen, wie die Relativitätstheorie und die dazu geschriebenen Bücher der Jahre 1920 bis 1935 so unterschiedliche Menschen wie Dirac, Heisenberg und Feynman zur Physik führten. Nur ein Kapitel weiter erfahren wir, wer dann zur Antrittsvorlesung von Richard Feynman in Princeton kam. Es waren John von Neumann, Albert Einstein und Wolfgang Pauli und seine anfängliche Nervosität – durchaus verständlich – wird denkbar eindrücklich geschildert.

In einer weiteren Geschichte erzählt Rößler über Wolfgang Pauli und den „Pauli-Effekt“, nach dem es unmöglich sei, dass sich Wolfgang Pauli und ein funktionierendes Gerät im gleichen Raum befänden! Auch hierzu sind einige Geschichten aufgeschrieben, bei denen ich ein Schmunzeln nicht verbergen konnte. Dirac und seine Berufung auf den Lucasischen Lehrstuhl in Cambridge ist ebenfalls eine Erwähnung wert (heute ist Stepen Hawkins auf diesen Lehrstuhl, und schon Isaac Newton hatte ihn inne) – inklusiver einer Papagei-Geschichte, die eine sehr gute Pointe enthält und somit auch Dirac sehr gut charakterisiert.

Im Kapitel „Weltbilder“ wird uns dann von Aristarch von Samos berichtet, der wohl als erster behauptet hatte, dass sich die Erde um die eigene Achse und zugleich um die Sonne dreht. Aristarch hatte auch schon viele astronomische Distanzen „fast“ richtig errechnet – etwa die Entfernungen Erde-Mond und Erde-Sonne, bei der er um rund eine Zehnerpotenz falsch lag. Die Geschichte der Berechnung des Erdumfanges von Erasthostenes ist dagegen bekannt und wird auch im Buch in Einzelheiten beschrieben. Das Kapitel schließt mit Bemerkungen aus dem Leben von Galilei und wie er dem Kopernikanischen Weltbild hat abschwören müssen.

Bestechend sind die einzelnen Themen wie „Komplementarität – die beiden Seiten einer Wirklichkeit“ oder „Der Röntgen ist wohl verrückt geworden“. Die Vielfalt der Geschichten, die lockere Art der Erzählung und die zahlreichen kleinen Details aus dem Leben der Akteure machen das Lesen wahrlich zu einem großen Vergnügen! Was ich vermisste, waren allerdings eine Zeittafel, damit man sieht, wie alt die Protagonisten bei ihren Treffen waren, eine Tafel der Solvay-Konferenzen mit Ort, Jahr und Teilnehmern sowie eine Tafel der Nobelpreise.

Der Leser legt das Buch nicht gerne aus der Hand: Die Personen haben plötzlich Fleisch und Blut bekommen, und man würde gerne so manche zum (fiktiven) Abendessen einladen.

Richard Mischak
Der Rezensent ist habilitierter Mathematiker an der Fachhochschule Salzburg

Wolfgang Rößler – Eine kleine Nachtphysik, Geschichten aus der Physik, Birkhäuser-Verlag; gebunden, 275 Seiten; ISBN-13: 978–3–7643–7743–4, 19.90 Euro.

Quelle: spektrumdirekt

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